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Wolfgang Baumjohann

Spätestens, seit er in vielen Medien die Details der Kometenmission "Rosetta" erklärt hat, ist Wolfgang Baumjohann der Öffentlichkeit ein Begriff. Heute wurde der 64-jährige Physiker vom Institut für Weltraumforschung in Graz zum Wissenschaftler des Jahres 2014 gewählt.

Der Titel wurde Baumjohann vom Klub der Bildungs- und Wissenschaftsjournalisten in Wien verliehen; und zwar nicht zuletzt deshalb, weil er sachlich und einfach österreichische Wissenschaft einem breiten Publikum näher bringt.

Und das zeichnet laut Baumjohann nicht nur den "Vermittler" aus - sondern auch die wissenschaftliche Theorie selbst. Denn ist etwas nicht mit einfachen Worten erklärbar, dann "stimmt die Theorie vermutlich nicht", sagt Wolfgang Baumjohann im science.ORF.at-Interview.

science.ORF.at: Insbesondere die "Rosetta"-Mission hat Ihnen im letzten Jahr zu Bekanntheit verholfen - was bringen derartige Beteiligungen für Sie als Wissenschaftler?

Wolfgang Baumjohann: Dass man bei solchen Missionen wirklich ganz neue Sachen findet. "Rosetta" ist so eine typische Entdeckungsmission. Man weiß zwar schon ein bisschen was über Kometen, aber jetzt kann man zum ersten Mal richtig beobachten, wie der Komet zum Komet wird.

Das kommt ja erst in den nächsten Monaten - noch ist er ein schmutziger Schneeball, der keinen Schweif hat. Wie sich dieser Schweif bildet, und wie er mit dem Plasma des Sonnenwindes interagiert, das werden wir erst sehen. Die "Philae"-Landung war natürlich ein Sahnehäubchen - aber die wirkliche Forschung, die kommt jetzt erst.

Wir werden mit unseren Instrumenten untersuchen, welche Struktur der Staub hat, der sich mit dem Wasser bzw. dem Eis löst und vom Wasserdampf mitgetrieben wird, und dann überlegen, wie er sich zu größeren Einheiten - also Kometen, Asteroiden, Monden oder Planeten - zusammenballen könnte.

Die "Rosetta"-Mission hat nicht zuletzt durch die mediale Begleitung große Bekanntheit erlangt. Ist das nicht Vorteil und Nachteil zugleich? Denn auch Misserfolge, wie etwa die nicht ganz gelungene Landung, werden sofort diskutiert.

Nein, ich denke es ist definitiv ein Vorteil. Misserfolge kommen vor, da kann man nichts machen. Sie tragen sogar zur Bekanntheit bei. Manche Menschen schauen ja auch Autorennen, weil sich da ab und zu auch mal ein Wagen überschlägt. Eine interessante Geschichte in dem Zusammenhang war die "Hayabusa"-Mission der Japaner zu einem Asteroiden. Deren Ziel war es, Staub aufzusammeln und damit zurück zu fliegen. Die haben es mit allerletzter Kraft geschafft, überhaupt zur Erde zurückzukommen und im Gepäck hatten sie gerade mal drei Staubkörnchen - das wurde dennoch oder vielleicht deswegen zum großen Erfolg.

Und das ist auch bei "Rosetta" der Fall. Hier spricht auch keiner von einem Misserfolg, bloß weil nicht alles einwandfrei geklappt hat. Das hat mit dem Entdecker-Charakter dieser Mission zu tun. Und das stellen wir immer wieder - auch bei anderen Missionen - fest: Interessant für die Öffentlichkeit wird es dann, wenn etwas von Menschen Gebautes wo hinfliegt und landet. Das macht es für uns leichter, unsere Wissenschaft zu erklären.

Wie wichtig ist Ihnen das und welche Kanäle nutzen Sie dafür?

Mir persönlich ist die Vermittlung aus zwei Gründen wichtig. Erstens: Wir werden von der Öffentlichkeit finanziert, und so hat sie ein Recht zu erfahren, was wir herausfinden, was neu und interessant ist. Zweitens: Wir leben in einer Zeit, die technikkritisch ist, und wir wollen den Leuten klar machen, dass Technik nichts per se Böses ist.

Wir versuchen aber auch durch Schulführungen und ähnliches junge Leute zu begeistern, sodass sie technisch-wissenschaftliche Berufe ergreifen. Das muss nicht immer die Weltraumforschung sein. Aber das ist letztlich auch wichtig für Österreich, denn nur von Skilehrern oder Mitgliedern der Wiener Symphoniker kann man nicht leben. Österreich ist auch ein Industriestaat, der Nachwuchs braucht.

Ich schreibe keine Wissenschafts-Blogs, das können andere besser. Ich bin aber immer bereit, Fragen, etwa von Journalisten, zu beantworten. Und zwar so, dass man es auch verstehen kann. Das geht immer. Und wenn etwas nicht mit einfachen Worten erklärbar ist, dann stimmt die Theorie vermutlich nicht oder sie ist unsinnig. Das ist, was ich beitragen kann.

Nicht zuletzt die Bereitschaft zu erklären und sich der Öffentlichkeit zu stellen, hat dazu geführt, dass Sie zum "Wissenschaftler des Jahres" gewählt wurden. Was bedeutet Ihnen diese Auszeichnung?

Ich habe mich wirklich darüber gefreut, dass das, was wir - nicht nur ich, sondern auch viele meiner Institutskollegen - da in Zusammenhang mit "Rosetta" machen, auch von Journalisten gewürdigt wurde.

War bzw. ist "Rosetta" ein wissenschaftlicher oder ein medialer Höhepunkt ihrer Karriere?

Es ist beides. Dass es ein medialer Erfolg war, ist eindeutig. Aber auch wissenschaftlich, denn dort wurden und werden zum ersten Mal Messungen gemacht, die danach für lange Zeit nicht mehr möglich sind. Denn es dauert sicher 20 bis 30 Jahre, bis man wieder zu einem Kometen fliegt.

Was ist für Sie so faszinierend an Ihrem Forschungsgebiet - war es bereits ein "Kindheitstraum" den Weltraum zu erforschen oder hat sich das zufällig ergeben?

Das hat sich ergeben. Und zwar indem ich bemerkt habe, was mir am meisten Spaß macht. Es war klar, dass ich ein naturwissenschaftliches Studium einschlagen werde und nicht Jus oder Theologie. Philosophie und Psychologie hätten mich auch interessiert, aber irgendwann habe ich bemerkt, dass es schon schön ist, wenn man eine Frage wirklich beantworten kann. Also mit "Ja" oder "Nein". So habe ich Mathematik und Physik studiert. Mathematik war mir dann zu theoretisch - immer nur nach kleinen Epsilons zu suchen, fand ich nicht so erfüllend.

Zur Geophysik bin ich dann per Zufall gekommen und dort hat mich schnell fasziniert, dass man einen Versuch nicht selbst konzipiert, sondern die Natur beobachtet, wie sie "Versuche" macht. Dann hat es sich ergeben, dass ich mich mit der Ionosphäre beschäftigt habe, und von dort aus bin ich immer weiter in den Weltraum vorgedrungen.

Was mir nach wie vor daran gefällt ist, dass man sich überraschen lassen muss, denn die Natur macht viele Sachen nicht so, wie wir uns das vorher gedacht haben. Man entdeckt immer wieder Neues - und dafür sind die Chancen im Weltraum einfach am größten.

Welche Erkenntnisse bzw. Ergebnisse würden Sie in Ihrer Forscherkarriere gerne noch erleben?

Meine Forscherkarriere ist Anbetracht meines Alters (64, Anm.) irgendwie durchaus als "fini" zu betrachten (lacht). Nein, die "Rosetta"-Mission ist da durchaus ein Höhepunkt, wobei auch da nur bestimmte Teile meine Spezialgebiet sind: wie sich der Schweif entwickelt und wie er mit dem Weltraumplasma interagiert, das ist Weltraumplasmaphysik.

Im nächsten Jahr startet die NASA eine große Mission, die sich noch einmal mit Weltraumplasma beschäftigt, an der wir stark beteiligt sind. Wir haben dafür sehr viele Instrumente gebaut. Davon erwarte ich mir noch einiges über einen bestimmten Prozess, die "magnetische Rekonnexion", zu erfahren. Dabei geht es um Folgendes: Man kann Weltraumplasmen so ansehen, als ob sie supraleitend wären und deshalb können sich verschiedenen Plasmen, die von der Erde oder der Sonne kommen, in der Atmosphäre nicht gegenseitig durchdringen.

Offensichtlich kann das aber in kleinen Bereichen ein bisschen aufgehoben werden. Da passiert irgendwas ganz Spezielles - was das ist, versucht man seit 20 Jahren herauszufinden. Ich denke, die "Magnetospheric Multiscale Mission" der NASA kann die Antwort darauf liefern. Das wird wohl der nächste Höhepunkt sein.

Hat die Weltraumforschung in Österreich Zukunft? Oder anders gefragt: Würden Sie jungen Menschen dazu raten, eine Forscherkarriere in diesem Bereich anzustreben?

Die Weltraumforschung in Österreich hat Zukunft und ist sehr erfolgreich, was die Erforschung des Sonnensystems angeht. Da spielt unser Institut in der Weltliga an vorderster Front mit. Auch die Astronomie bzw. Astrophysik ist sehr gut aufgestellt. Da sind einige neue, jüngere Professoren berufen worden, die gut in der internationalen Szene mitmischen. Und es gibt ja noch eine Menge Dinge zu klären, die wichtig sind. Wir haben zum Beispiel gerade erst damit angefangen, uns mit den Exoplaneten (Planeten außerhalb des Sonnensystems, Anm.) zu beschäftigen.

Ich sehe, dass die Studierendenzahl in Graz etwa gleich geblieben ist, in Wien ist sie sogar angestiegen. Ob hinterher dann alle Weltraumforscher werden, spielt aber gar keine so große Rolle. Wichtig ist, dass man das macht, was einem wirklich Spaß macht.

Der Weltraumtourismus wird immer präsenter: Würden Sie selbst gerne einmal in den Weltraum fliegen?

Wenn mir einer ein Ticket geben würde, würde ich das das schon machen. Aber ich würde nicht so viel Geld dafür bezahlen. Da gäbe es auch auf der Erde noch einige interessante Orte, die ich gerne besuchen würde - was sicher nicht so viel kosten würde.

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