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Geschichte der Institute

Die Geschichte der geodätischen Institute an der TU Graz

Seit 1828 wurde die "Praktische Geometrie" im Rahmen einer Lehrkanzel, nämlich der für technisch- praktische Mathematik, vertreten. Im Jahre 1841 entstand eine Lehrkanzel für Praktische Geometrie und Höhere Mathematik, die auch das Situationszeichen (später Planzeichnen bzw. Geodätisches Zeichnen) betreute. Unter den ziemlich rasch wechselnden Lehrkanzelvorständen befinden sich hervorragende Geodäten wie F. HARTNER, Lehrkanzelvorstand von 1845 bis 1851 und J. Herr, Lehrkanzelvorstand von 1853 bis 1857. Seit 1857 besteht unter der Bezeichnung "Lehrkanzel für praktische Geometrie" eine nur der geodätischen Ausbildung dienende Einrichtung, von 1858 bis 1899 geleitet von Prof. J. WASTLER, der nicht nur als Geodät, sondern auch als Kunsthistoriker bekannt wurde. In der Zeit der Lehrtätigkeit WASTLER`s fällt die Gründung des zunächst einjährigen, später zweijährigen Kurses zur Heranbildung von Vermessungsgeometern, also der Urform des gegenwärtigen Ingenieurstudiums.

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Nach dem Tode WASTLER`s (1899) wurde Adolf KLINGATSCH als o. Professor für Geodäsie und Sphärische Astronomie Vorstand der Lehrkanzel. Unter den Mitarbeitern von Wastler und Klingatsch finden sich zwei bekannte Namen, nämlich der spätere Ordinarius an der Deutschen Technischen Hochschule in Brünn, o. Prof. Dr. Hans LöSCHNER, der 1901 als Erster in der österr.-Ung. Monarchie das Doktorat der Technischen Wissenschaften erwarb, und o. Prof. Dr. F. AUBELL, der 1911 an die Montanistische Hochschule Leoben berufen wurde.

KLINGATSCH blieb bis zu seinem Tode (1926) Vorstand der noch immer einzigen geodätischen Lehrkanzel. In die letzte Zeit seines Wirkens fällt die mit BGBl. 211 vom 2. 6. 1925 eingeführte Vollausbildung der Vermessungsingenieure, d. h. der übergang vom bisherigen 4-semestrigen "Geometerkurs" zu einem Studium mit zwei Staatsprüfungen und die Gründung der Unterabteilung für Vermessungswesen.

Dem Tod von KLINGATSCH folgte eine zwei Jahre dauernde Supplierung durch Prof. Dr. F. ACKERL und Dr. A. SOLDAT. ACKERL sollte der Professur von KLINGATSCH nachfolgen, doch ging er zurück nach Wien, um einem drohenden Ränkespiel zu entgehen (Hofrat LEGO fand es als eine Schande, dass ein Mann, der nicht Vermessungsingenieur ist, in Graz tätig sei. Prof. DOLEZAL hingegen schätzte ACKERL`s fachliche Leistungen und förderte ihn). Hans LöSCHNER, er war zu dieser Zeit in Brünn, sollte nun als Professor nach Graz kommen (er war an 1. Stelle gereiht). Er lehnte ab und empfahl aber an seiner Stelle Karl ZAAR, der dann die Professur 1928 bekam.

Prof. ZAAR widmete sich neben dem bestehenden großen Aufgabenbereich in erster Linie der Ausgestaltung seiner Lehrkanzel auf dem Gebiet der Photogrammetrie, wobei er mit nichttopographischen Anwendungen der Bildmessung eine bis zum heutigen Tage intensiv fortgesetzte Richtung begründete.

Da sich die Vertretung des Gesamtgebietes der Geodäsie durch nur eine Lehrkanzel als völlig unmöglich erwies, wurde 1930 die II. Lehrkanzel für Geodäsie errichtet und Prf. KOPPMAIR als Vorstand berufen. Nach der Angliederung österreichs an des Deutsche Reich folgte Prof. KOPPMAIR 1938 einem Ruf nach Brünn und ein Jahr später "nach Beginn des Zweiten Weltkrieges" wurde die Unterabteilung für Vermessungswesen durch einen ministeriellen Erlaß kurzerhand aufgelöst. Die II. Lehrkanzel blieb danach noch für kurze Zeit bestehen und befaßte sich mit der Ausbildung von Geodäten und Bauingenieuren bis zur 1. Diplomprüfung. Eine Vertretung der Fächer der Höheren Geodäsie war jedoch nicht mehr möglich. Die Leitung des Institutes war dem ehemaligen Assistenten von KOPPMAIR, Dozent E. LINDINGER, übertragen. Nach dessen Einberufung zur Wehrmacht im Jahre 1943 übernahm der Vorstand der I. Lehrkanzel Prof. Dr. ZAAR wiederum die Aufgaben der II. Lehrkanzel, sodass diese damit wieder zu bestehen aufgehört hatte. Damit war ein Vollstudium nicht mehr möglich und die Entwicklung um mehr als ein halbes Jahrhundert zurückgedreht und jener Zustand hergestellt, um dessen Änderung man sich seit Jahrzehnten bemüht hatte.

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Nach Kriegsende, als die früher geltenden österreichischen Studiengesetze wieder eingeführt waren, unternahm Prof. ZAAR das in der damaligen Zeit nicht unbedeutende Wagnis der Wiedererrichtung der Vermessungsabteilung. Der Tod Prof. ZAAR`s (1949) erschwerte die Situation in dieser Wiederaufbauzeit, in der die Vollausbildung nun ohne Ordinarius mit nur 5 Assistenten aufrechterhalten wurde. Namhafte Grazer Geodäten setzten sich mit größtem persönlichen Einsatz für die Weiterführung und den Wiederaufbau der geodätischen Studienrichtung an der TH Graz ein. Als Beispiel seien hier nur W. PFLüGER, W. KONOPASEK und K. HUBENY erwähnt.

Im Jahre 1950 wurde Prof. HUBENY als Vorstand der noch immer einzigen geodätischen Lehrkanzel berufen.

In einem Brief von Prof. Hugo KASPER (Wild-Heerbrugg) an Prof. Hans LöSCHNER (Wien) schreibt dieser am 22. Januar 1952:

"Ich war kürzlich in Graz und habe dort auch über die Besetzungsfrage sprechen können. Die Situation ist außerordentlich verworren und es hat den Anschein, dass durch verschiedene persönliche Diskrepanzen die Besetzung sehr in Frage gestellt ist. Die meisten Aussichten scheint wohl Herr Dr. BARVIR vom Oesterreichischen Bundesvermessungsamt zu haben, obwohl ich nicht weiß, ob er die Berufung annehmen würde. Weiters wurden als Kandidaten Dr. LEDERSTEGER (Anm.: auch BafEuV) und Ihr Sohn (Anm.: Fritz LöSCHNER) genannt, ferner Dr. RINNER und Dr. LINDINGER. Die beiden letzteren dürften aber wohl aus verschiedenen Gründen nicht in Frage kommen. Jedenfalls ist die Situation reichlich unklar und niemand will sich binden oder eine bestimmte Zusage geben. Ich selbst habe eindeutig abgesagt. Es liegen anscheinend auch zuviel externe Meinungen und Einflüsse vor."

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1953 gelang schließlich, nach überwindung von nicht unbedeutenden Schwierigkeiten, die Wiedererrichtung der II. Lehrkanzel für Geodäsie mit der Berufung von Prof. BARVIR zum Vorstand. Damit war der Zustand vor dem Jahre 1938 endlich wieder erreicht. In der Folge befaßte sich das Institut vor allem mit Problemen der angewandten Geophysik und stellte bedeutsame Arbeiten auf diesem Gebiet für die Praxis und Forschung zur Verfügung.

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Prof. BARVIR folgte 1960 einem Ruf an die Technische Hochschule Wien und im gleichen Jahr wurde Prof. RINNER zu seinem Nachfolger ernannt, der ursprünglich an die Technische Hochschule in Wien berufen werden sollte, jedoch mit Prof. BARVIR "tauschte".

Prof. RINNER und Prof. HUBENY wollten beide die photogrammetrische Ausrüstung der Institute benutzen. Die neu gegründete Firma "Alpen-Photogrammetrie" bot beiden die Möglichkeit, neben dem Lehrauftrag an der TH auch privatwirtschaftlich zu arbeiten. Sie einigten sich darauf, dass jeder in seiner Lehrkanzel die Photogrammetrie mitbetreut. Prof. HUBENY die Terrestrische- (Photogrammetrie I) und Prof. RINNER die Aero-Photogrammetrie (Photogrammetrie II). So konnten beide aus ihrem Institutbudget photogrammetrische Geräte ankaufen. Ein eigenes Institut für Photogrammetrie wurde dadurch lange verhindert. In Wien war Photogrammetrie lange keine Pflichtvorlesung. In Graz mußte bei der II. Diplomprüfung 1 Stunde photogrammetrisch aufgenommen und anschließend selber ausgewertet werden.

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Neu entstandene Fachgebiete, wie die elektronische Entfernungsmessung, die Automation der Rechnungs- und Ausgleichstechnik, die Gravimetrie mit Hilfe von Satelliten, stellten an die Forschung und Lehre Aufgaben, die mit den vorhandenen Mitteln kaum bewältigt werden konnten und eine weitere Teilung der Lehrkanzeln nach sich zog.

Es ist zum großen Teil der nicht ermüdenden Initiative der beiden Lehrkanzelvorstände zu verdanken, dass 1968 und 1971 zwei weitere Institute errichtet und mit namhaften Persönlichkeiten besetzt werden konnten (Geodäsie III, Prof. SCHMID; Geodäsie IV, Prof. MORITZ).

Prof. SCHMID als Vorstand des III. Geodätischen Institutes blieb aber nur drei Jahre in Graz, bevor er als Nachfolger von Prof. BARVIR 1971 einer Berufung nach Wien folgte. Sein Nachfolger wurde Prof. MEISSL aus Wien, der bis zu seinem tragischen Tod als Vorstand des neubenannten Institutes für mathematische und numerische Geodäsie an der Technischen Universität in Graz als international anerkannter Wissenschaftler tätig war.

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Aus den vier geodätischen Instituten entstehen durch eine lt. Universitätsorganisationsgesetz mögliche Zusammenlegung je zweier Altinstitute und zwar der Institute für Allgemeine Geodäsie und Photogrammetrie (Prof. K. HUBENY) und für Landesvermessung und Photogrammetrie (Prof. K. RINNER) zum neuen Institut für Angewandte Geodäsie und Photogrammetrie, sowie der Institute für Mathematische und Numerische Geodäsie (Prof. MEISSL) und für Erdmessung (Prof. MORITZ) zum neuen Institut für theoretische Geodäsie, nun zwei geodätische Institute.

Im Jahre 1981 wird an der Technischen Universität Graz eine eigene Abteilung für Photogrammetrie und Fernerkundung, mit Prof. LEBERL als Vorstand, eingerichtet. Die bis dahin von zwei Instituten mitbetreute Photogrammetrie hat nun erstmals eine eigenständige Abteilung erhalten.

Das Institut für Angewandte Geodäsie und Photogrammetrie besteht aus drei Abteilungen: der Abteilung für Allgemeine Geodäsie und Ingenieurgeodäsie (Prof. SCHELLING als Nachfolger des emeritierten Prof. HUBENY), der Abteilung für Landesvermessung (Prof. RINNER) und der Abteilung für Photogrammetrie und Fernerkundung (Prof. LEBERL).

Das Institut für Theoretische Geodäsie besteht aus zwei Abteilungen: der Abteilung für mathematische und datenverarbeitende Geodäsie (Prof. MEISSL) und der Abteilung für physikalische Geodäsie (Prof. MORITZ).

Im Jahre 1984 übernimmt für zwei Jahre Prof. BRANDSTäTTER die Abteilung für Landesvermessung, bevor er 1986 den Vorstand über die Abteilung für Photogrammetrie und Fernerkundung am Institut für Angewandte Geodäsie und Photogrammetrie an der TU Graz übernimmt. Diese Abteilung war zwei Jahre unbesetzt.

Die Leitung der Abteilung für Landesvermessung übernahm danach Prof. HOFMANN-WELLENHOF.

Die durch den Unfalltod von Prof. MEISSL verwaiste Abteilung für mathematische und datenverarbeitende Geodäsie wird von Prof. SüNKEL 1984 übernommen.

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Eine weitere Neubesetzung erfolgte 1994: Prof. BRUNNER folgte dem emeritierten Prof. SCHELLING als Vorstand der Abteilung für Allgemeine Geodäsie und Ingenieurgeodäsie.

Um den wechselnden und sich stark erweiternden Wissenszweigen der einzelnen Institute gerecht zu werden und um die Aufgabengebiete dieser Abteilungen optimal bezeichnen zu können, änderten einige ihren Namen.

Die Abteilung für mathematische und datenverarbeitende Geodäsie heißt nun Abteilung für Mathematische Geodäsie und Geoinformatik, die Abteilung für Landesvermessung nennt sich jetzt Abteilung für Landesvermessung und Landinformation und schließlich die Abteilung für Photogrammetrie und Fernerkundung, die in Abteilung für Fernerkundung, Bildverarbeitung und Kartographie umbenannt wurde.

Weitere Umstrukturierungen führten in weiterer Folge zu den vier Instituten.

  • Institut für Fernerkundung und Photogrammetrie
  • Institut für Geoinformation
  • Institut für Navigation und Satellitengeodäsie (INAS)
  • Institut für Ingenieurgeodäsie und Messsysteme (IGMS)

Im Jahr 2011 fanden die beiden jüngsten zwei Vorstandswechsel statt: Prof. T. MAYER-GÜRR übernahm mit Beginn des Jahres die Leitung des neu gegründeten Instituts für Theoretische Geodäsie und Satellitengeodäsie (ITSG). Das INAS heißt nun Institut für Navigation unter der Leitung von Prof. WIESER. Im Oktober folgte Professor W. LIENHART dem emeritierten Prof. BRUNNER als Leiter des Instituts für Ingenieurgeodäsie und Messsysteme. Der langjährige Institutsvorstand der Geoinformation und Studiendekan Prof. BARTELME geht 2014 in Rente. Die Aufgabe des Studiendekans übernimmt Prof. WIESER. Im Jänner 2015 kam es zu einer großen Umstrukturierung der Institute. Die Institute Fernerkundung und Photogrammetrie, Geoinformation, Navigation und Theoretische Geodäsie und Satellitengeodäsie wurden zum Institut für Geodäsie, unter Leitung von Prof. SCHARDT zusammengefasst. Die ehemalige Gliederung blieb in Form von Arbeitsgruppen erhalten. Dies führt zu folgender aktuellen Gliederung der Geodäsie:

  • Institut für Geodäsie:
    • Arbeitsgruppe Fernerkundung und Photogrammetrie (GEOimaging)
    • Arbeitsgruppe Geoinformation (Geoinformation)
    • Arbeitsgruppe Navigation (INAS)
    • Arbeitsgruppe Theoretische Geodäsie und Satellitengeodäsie (ITSG)
  • Institut für Ingenieurgeodäsie und Messsysteme (IGMS)
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